Jede Minute wird in Europa ein Gebäude abgerissen. Setzen wir das so fort, werden bis 2050 rund zwei Milliarden Quadratmeter Bestandsfläche in Europa abgerissen sein. Das entspricht in etwa der Hälfte des Wohnraums in Deutschland oder mehr als dem gesamten Wohnraum von Paris oder Berlin.
38 Prozent der CO₂-Emissionen weltweit und 36 Prozent des gesamten Abfalls in der EU werden durch den Gebäudesektor verursacht.
Versiegelung und Zersiedelung für neue Gebäude und Straßen sind enorm, der Flächenverbrauch betrug in den vergangenen Jahren rund 50 Hektar pro Tag – soll aber, laut Zielen der Bundesregierung, bis 2025 auf null gesenkt werden.
Der Gebäudebestand in Europa ist derzeit nur zu 25 Prozent saniert, die aktuelle Sanierungsrate liegt bei einem Prozent pro Jahr. Um die EU-Klimaziele 2050 zu erreichen, muss die Rate verdreifacht werden.
Quellen: UN-Bericht 2020 GLOBAL STATUS REPORT FOR BUILDINGS AND CONSTRUCTION, HouseEurope, Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung
Wenn ich Zahlen zum Bau- und Immobilienbereich lese, sehe ich keinen anderen Ausweg: Wir müssen aufhören, unseren Gebäudebestand zu vernichten.
Warum? Der Erhalt bestehender Bauten birgt enormes Potenzial: Der Wert unserer Bestandsgebäude besteht zum einen in der grauen Energie. Das ist die Energie, die bereits für Baustoffe und deren Gewinnung, Herstellung, Transport und Aufbau aufgewendet wurde. Die würde nicht nur vernichtet, der Abbruch gar weitere Energie fressen und die Müllberge weiter anwachsen lassen. Der Anteil an grauer Energie, der bei der Errichtung von Häusern aufgewendet wird, beträgt in Bezug auf den Gesamtenergiebedarf eines Hauses etwa 50 Prozent.
Zum anderen sind kulturelle und ökonomische Werte nicht zu unterschätzen. Auch wenn ein Haus kernsaniert werden muss, ist der Rohbau schon da! Wenn wir das Bewährte bewahren, erhalten wir die Geschichte und das Gesicht unserer Dörfer und Städte.
Sanierung und Umbau müssten Vorrang haben, aber wie?
Bisher wird Neubau gefördert. Überdies fehlen Vorschriften wie Abrissgenehmigungen oder zumindest Anzeigepflichten vor einem Abriss. Würden Lebenszyklusanalysen, also eine Gesamtbetrachtung der Energiebilanz für die Lebenszeit von Gebäuden, verpflichtend eingeführt, müssten die Vernichtung grauer Energie und das hohe Müllaufkommen bei Abbruch endlich berücksichtigt werden. So erhielte man endlich ein realistisches Bild und würde nicht länger dem schiefen Vergleich der Kosten von Sanierung und Neubau getäuscht werden.
Die Weiterverwendung von Gebäuden und vorhandenen Bauteilen sollte begünstigt und die komplizierte Gesetzeslage mit großen Verantwortlichkeiten für Planende und Eigentümer deutlich klarer und einfacher werden.
Die gute Nachricht: Die europäische Bürgerinitiative HouseEurope! setzt sich bereits für neue EU-Gesetze ein, die die Sanierung bestehender Gebäude gegenüber dem Abriss erleichtern und finanziell begünstigen. So können bezahlbarer Wohnraum gesichert, Ressourcen geschont und CO₂-Emissionen reduziert werden.
HouseEurope – eine Petition auf europäischer Ebene:
Zentrale Forderungen von HouseEurope
(I) Wir fordern die Befreiung von der Mehrwertsteuer für Gebäudesanierungen und wiederverwendete Materialien, um den Sanierungsmarkt anzukurbeln und die Treibhausgasemissionen im Bausektor zu senken.
(II) Wir fordern verpflichtende EU-weite Standards zur Bewertung nicht nur der Risiken, sondern auch des Potenzials bestehender Gebäude – denn nur so lässt sich ihr Wert erschließen und gezielt in Sanierung investieren.
(III) Wir fordern die Einführung ganzheitlicher Lebenszyklusanalysen, um den vollständigen CO₂-Fußabdruck von Gebäuden sichtbar zu machen – von der Vergangenheit bis in die Zukunft – und um diesen bilanziell zu erfassen.
Das Ziel: europaweit 1 Million Unterschriften für Gesetze, die bezahlbaren Wohnraum sichern, Ressourcen schonen und Emissionen reduzieren
Noch nicht überzeugt? Mehr Informationen?
Mein Tipp: der sehr sehenswerte und informative Dokumentarfilm Power to Renovation






